Botanischer Garten der Universität Basel

Königin der Nacht – Selenicereus grandiflorus

Triebe

Die «Königin der Nacht» ist ein Kaktus. Er stammt aus Mexiko und dem nördlichen Mittelamerika sowie aus der Karibik (Jamaica, Kuba u.a.), wo normalerweise ein durchgehend warmes Klima herrscht, jedoch von feuchten und trockenen Jahreszeiten. Die Pflanze besiedelt nicht nur offene Standorte auf steinigen Böden, sondern auch laubwerfene Trockenwälder bis hin zu relativ feuchten, offenen Wäldern.
Sie bildet nicht die typischen Kugel- oder Säulensprosse wie die Wüstenpflanzen unter den Kakteen, sondern langgestreckte, schwach bedornte und unregelmässig verzweigte Triebe. Im blütenlosen Zustand erinnern diese ein wenig an unordentlich aufgewickelte Gartenschläuche, vor allem natürlich in Topfkultur, wo keine Ausbreitung möglich ist. Am Wildstandort kriechen die Trieben über den Boden, schlingen sich ins Gebüsch oder ranken an einem Baum hoch, wie dies bei uns Brombeeren und vor allem Waldreben (Nielen) tun. Der Bodenkontakt kann sogar abreissen: dann wächst die Pflanze als sogenannter Epiphyt.

Bilder

Selenicereus grandiflorus Selenicereus grandiflorus Selenicereus grandiflorus Selenicereus grandiflorus Selenicereus grandiflorus Selenicereus grandiflorus

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Knospen

Der jahreszeitliche Rhythmus bleibt auch in Kultur erhalten. Bei uns erscheinen im Frühsommer an den älteren Sprossteilen zunächst einige wenige Blütenknospen. Mit ihrem dichten Haarpelz sehen sie aus wie ein kleiner Wattebausch. Bei schlechter, das heisst vor allem kühler Witterung können sie während längerer Zeit an der Pflanze ausharren, ohne sich weiterzuentwickeln. Folgen ab Mitte Juni jedoch einige helle und vor allem heisse Tage, so setzt ein ungeheurer Entwicklungsschub ein und die Knospen verlängern sich relativ schnell sich bis auf eine Grösse von 10 cm. In diesem Stadium ragen die braunen Kronblätter bereits deutlich aus dem «Wattebausch» heraus. Dennoch lässt sich auch jetzt nicht genau vorhersagen, an welchem Tag sich die Blüten öffnen.

Aufblühen

Am Blühtag selbst lässt sich an den Blüten etwa ab 14 Uhr feststellen, ob sich diese noch am gleichen Abend öffnen wird. Im Laufe des Nachmittags schwillt die Knospe allmählich an. Die Blütenblätter strecken sich und beginnen sich etwa ab 19 Uhr voneinander zu lösen. Innerhalb von zwei bis drei Stunden entfalten sie sich zu einer der prächtigsten Blüten des Pflanzenreichs, die ihren vollen Durchmesser von 20–25 cm bei Einbruch der Dunkelheit erreicht. Es ist ein Trichter aus weit über 100 crèmefarbenen, goldgelben und braunen Blütenblättern, in dem eine Wolke an Staubblättern liegt.

Zeitraffer-Video: Blütenöffnung in 50 Sek.

Wenige Stunden nach Mitternacht beginnt die Blüte wieder zu welken und hängt bereits am nächsten Morgen schlaff an der Pflanze. Weshalb dieser gigantische Aufwand, diese kurze Blütezeit und diese merkwürdige Tageszeit?

Grundsätzlich werden alle auffällig farbigen Blüten von Tieren besucht bzw. bestäubt; nachtblühende Pflanzen somit also auch von nachtaktiven Tieren. Welche Tiergruppe könnte sich in der mittelamerikanischen Heimat von dieser Pflanze «angesprochen» fühlen? Obwohl die «Königin der Nacht» eine der ganz berühmten Zierpflanzen darstellt, gibt es bis heute tatsächlich keine gesicherte wissenschaftliche Beobachtung eines Blütenbesuches. Die Stilmerkmale der Blüte weisen jedoch mit grosser Wahrscheinlichkeit auf Bestäubung durch Fledermäuse hin.

Die «Königin» setzt auf Flugpost

Im Gegensatz zu den europäischen Fledermäusen, die sich als Luftjäger vorallem von Insekten ernähren, finden sich unter den tropischen Fledermäusen zahlreiche Arten, die weitgehend von Nektar, aber auch von Pollen leben. «Fledermausblumen» blühen daher nachts, sind teils hell, teils braun gefärbt, haben oft einen etwas «muffigen» Duft und viel Nektar als Futter.

Wer zu spät kommt...

Das Risiko, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen, haben auch die Botanischen Gärten, wenn sie eine «Königin der Nacht» öffentlich zugänglich machen wollen. Die Pflanzen blühen zwar jedes Jahr, gute Pflege (d.h. vor allem richtige Düngung) vorausgesetzt. Doch findet dieses Schauspiel nur während einigen, wenigen Nächten statt, die man nie genau voraussagen kann. Es gehört in diesem Fall zur «Natur der Natur», dass niemand garantieren kann, ob zu einem bestimmten Zeitpunkt auch tatsächlich eine Blüte offen ist.

Um das Risiko ein wenig zu mildern, besitzt der Botanischen Garten Basel mehrere Exemplare dieser Pflanze. Damit nicht alle gleichzeitig blühen, können die einzelnen Exemplare zudem unterschiedlich hell und warm kultiviert werden.

Hintergründe und Ergänzungen

Bestäubung

Kletterpflanze oder Epiphyt?

Krautig oder verholzt?

Was bedeutet 'Selenicereus grandiflorus' wörtlich?

Lageplan und Arealkarte

Botanischer Garten der Universität Basel, Spalengraben 8, 4051 Basel, Schweiz

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